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Das Magazin für Dienstleistung, Unterhaltung und Shopping im Girardet Haus.
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Dr. Wilhelm Girardet, Unternehmer i.R., über Traditionen und ihren Wert, über Unternehmermoral und ihren Verlust

Ein Name, der verpflichtet

Dr. Wilhelm Girardet, 64, ist der letzte Chef der Großdruckerei, die dem Haus und der Straße, an der es liegt, den Namen gab. Das Familienunternehmen zählte in den 70er Jahren zu den Angesehensten und umsatzstärksten Druckereien der Bundesrepublik und ging 1988, im 123. Jahr seines Bestehens, in Konkurs. Wilhelm Girardet studierte nach dem Abitur in Essen Betriebswirtschaft in Tübingen, Hamburg und Wien. Praxis-Kenntnisse erwarb er in Druckereien in Stuttgart und Zürich. 1964 trat er in den Essener Betrieb ein und arbeitete an der Seite seines Vaters, bis er 1972 die Leitung übernahm. Nach dem Konkurs des Unternehmens arbeitete Dr. Wilhelm Girardet noch sieben Jahre als Geschäftsführer einer Druckerei in der Nähe von Heidelberg. Heute lebt er in Frankfurt.

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Ihr Name, Herr Dr. Girardet, ist, zumindest in Essen, auch heute noch ein Begriff. Sind Sie stolz auf diesen Namen?

Dr. Girardet:
Ja. Die Bekanntheit des Namens verdanken wir natürlich vor allem dem Firmengründer, den wir als bedeutendsten Mann in unserer Familie verehren. Aber auch die folgenden Generationen haben in Essen und in anderen deutschen Städten ihren Beitrag zu dem guten Klang des Namens geleistet. Und ich denke, er hat auch durch den Untergang der Firma keinen wesentlichen Schaden gelitten.

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Nun tragen Sie nicht nur den Nachnamen, sondern auch den Vornamen ihrer Vorfahren. Schon Ihr Vater hieß Wilhelm, ebenso wie Ihr Großvater und Ihr Urgroßvater, der das Unternehmen gegründet hat. Und Ihren Sohn haben Sie auch so genannt. Das lässt auf ausgeprägte Familientraditionen schließen. Welcher Art waren die Traditionen, die in Ihrer Familie gepflegt wurden?

Dr. Girardet:
Als die Hugenotten vor über 300 Jahren nach Deutschland kamen, wurden sie zwar von den jeweiligen Landesfürsten willkommen geheißen, von der Bevölkerung jedoch mit Misstrauen beobachtet, so dass sie sich in ihren Familien umso fester zusammenschließen mussten. Und bei uns blieb die familiäre Bindung ein Wert und eine verpflichtende Tradition, nachdem wir hier etabliert waren. Das drückt sich eben auch in der Namensgebung aus. Hugenottische Familien wurden ja von ihren Landesfürsten häufig mit Privilegien ausgestattet und zollten ihnen dafür Respekt und Dankbarkeit. Deshalb tauchen bei uns schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts – nach den preußischen Königen – so häufig die Namen Wilhelm und Friedrich auf.

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Wurde auch Ihr unternehmerisches Handeln von Familientraditionen bestimmt oder beeinflusst?

Dr. Girardet:
Es war für uns alle selbstverständlich, dass die Interessen des Unternehmens Vorrang haben vor den Interessen der Eigentümer. Daher ist die finanzielle Stärkung des Unternehmens immer wichtiger gewesen als die Ausschüttung und Verteilung von Gewinnen. Diese Auffassung von Unternehmertum hat bis zur letzten Stunde Bestand gehabt. Die Familie hat unter hohem Einsatz von Privatvermögen versucht, die Firma zu retten, was ja leider nicht gelungen ist. Aber ich denke, das ist von der Öffentlichkeit anerkannt worden.* Des Weiteren hat die soziale Komponente in der Unternehmensführung – wie die Einrichtung betrieblicher Kranken- und Altersversorgung – immer eine große Rolle gespielt.

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Bedauern Sie, dass Traditionen aus der Mode gekommen sind, dass jemand, der sich dazu bekennt, in den Verdacht gerät, den Anschluss verpasst zu haben? Ist das in Ihren Augen ein gesellschaftlicher Verlust?

Dr. Girardet:
Ja, in der Tat. Das ist ein wichtiges Thema für mich, mit dem ich mich viel beschäftige. Wenn ich – als mittelständischer Unternehmer im Rentenalter – mir die Vorgänge in der deutschen Wirtschaft ansehe, dann kann ich mich nur wundern. Die heutigen Konzernvorstände übernehmen doch nicht mehr die Verantwortung für soziale und gesamtwirtschaftliche Belange, die ihrem Einfluss entsprechen würde. Mir fällt beispielsweise kaum ein Vorstandsvorsitzender ein, der sich zuständig und mitverantwortlich fühlt für die Lösung der Beschäftigungsfrage und für die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Unternehmertum reduziert sich zunehmend auf Gewinnmaximierung. Aber das ist zu wenig. Meiner Ansicht nach ist das eine krasse Fehlentwicklung, die auch etwas mit dem Verlust von traditionellen Werten zu tun hat.

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Girardet hat in seiner Blütezeit 2.700 Mitarbeiter beschäftigt, zum Schluss noch 750. Und auch deren Arbeitsplätze gingen verloren. Waren das Ihre persönlichen Erfolge und Ihre persönliche Niederlage?

Dr. Girardet:
Ja, das kann man so sagen. Ich war stolz auf unsere Expansion, zu der ich meinen Teil beitragen konnte. Und es hat mich sehr hart getroffen, dass wir schließen mussten. Natürlich war das meine persönliche Niederlage, auch wenn ich wohl keine Chance gehabt hätte, den Konkurs abzuwenden. Das war ein strukturelles Geschehen. Zwischen 1965 und 1990 sind nahezu alle Tiefdruckereien untergegangen. Eine Handvoll Konzerne sind übriggeblieben, aber der mittelständische Tiefdruck ist in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern praktisch verschwunden. Diese Unabwendbarkeit hat es mir ein bisschen leichter gemacht, mich mit dem Konkurs abzufinden...

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Hat es Sie gekränkt, diesen Traditionsbetrieb nun nicht mehr in die Hände der 5. Generation übergeben zu können?

Dr. Girardet:
Also, bei allen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Untergang der Firma hat mich der Abbruch der familiären Kontinuität am wenigsten belastet. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass mein Sohn, der als selbständiger Grafiker in Berlin lebt, schon früh erklärt hatte, für eine Nachfolge nicht zur Verfügung zu stehen.

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Sie sprachen gerade von den strukturellen Veränderungen, denen Ihr Unternehmen zum Opfer gefallen sei. Gab es denn zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, die Weichen anders zu stellen, so dass der Betrieb hätte überleben können?

Dr. Girardet:
Ich denke, dass die Chancen, die wir in den 50er Jahren hatten, damals nicht gesehen und genutzt worden sind. Es ist heute klar, dass eine Tiefdruckerei ohne größeren eigenen Verlag mit Publikumszeitschriften und Zeitungen nicht existieren kann. Das heißt, wir hätten unsere Druckkapazitäten zu mindestens 50 Prozent mit eigenen Produkten auslasten müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und es gab damals Beteiligungs-Möglichkeiten, die die Familie ausgeschlagen hat, weil ihr die unternehmerische Unabhängigkeit eben wichtiger erschien. Das hat sich im Nachhinein als Fehler erwiesen, der dann jedoch nicht mehr zu korrigieren war. Außerdem ist das Tiefdruckverfahren infolge der technischen Entwicklung so teuer geworden, dass die Finanzierungsmöglichkeiten von mittelständischen Unternehmen einfach nicht mehr ausreichten.

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Hätten Sie die Gelegenheit gehabt, auf Offsetdruck umzustellen und dem Unternehmen dadurch einen neuen Markt zu eröffnen?

Dr. Girardet:
Das ist letzten Endes eine Glaubensfrage. In der Druckindustrie hatten wir einen ausgezeichneten Ruf als Tiefdrucker, aber wer hätte uns schon kurzfristig abgenommen, dass wir Offsetdruck genauso gut können? Im übrigen war es ein Problem des Kapitalmangels. Denn die Umstellung auf Offsetdruck in großem Maßstab hätte unsere Finanzkräfte bei weitem überfordert.

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Wenn Sie sich die Entwicklung des Girardet Hauses ansehen – vom Großbetrieb zum Multifunktionszentrum mit vielen Existenzgründern und kleinen Firmen –, so spiegelt sich darin ja eine regionale Entwicklung. Wenn nicht genügend qualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, machen sich eben immer mehr junge Leute mit guten Ideen selbständig. Sehen Sie darin ein Zukunftsmodell, in dem sich vielleicht sogar eine Lösung unserer Arbeitsmarktprobleme andeutet?

Dr. Girardet:
Das ist unser Weg, der von der Produktion weg und hin zur Dienstleistung führt. Ob er allerdings die Probleme der vier Millionen Arbeitslosen löst, möchte ich bezweifeln. Trotzdem stimmt es hoffnungsvoll, dass so viele junge Leute den Mut und die Energien aufbringen, sich auf eigene Füße zu stellen, obwohl die Politik ihnen bislang die nötigen Anreize und Erleichterungen versagt. Immerhin werden ihnen durch unsere erdrückende Bürokratie und unser Steuerrecht Lasten aufgebürdet, die Jungunternehmer nur schwer tragen können.

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Letzte Frage, Herr Dr. Girardet. Sie betrachten dieses Haus sicher mit anderen Augen als seine heutigen Nutzer. Wie gefällt Ihnen das, was Sie sehen? Sind Sie überhaupt froh, dass es noch steht?

Dr. Girardet:
Ich bin sehr froh darüber! Die Vorstellung, daß dieser Komplex, der ja zum Teil unter meiner Stabführung entstanden ist, abgerissen werden könnte, war sehr schmerzlich für mich. Ich habe dann die Entwicklung mit wachsender Freude verfolgt und bin sehr zufrieden mit ihrem jetzigen Ergebnis. Und natürlich hoffe ich, dass der positive Trend, was die Akzeptanz des Hauses mit seiner neuen Bestimmung betrifft, anhält.

Das Interview führte Ulrike Vetter
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